Ein herzliches Dankeschön an Children's Shelter Home
June 2008
Ein herzliches Dankeschön an Children’s Shelter Home
Hangdong
Hangdong? Das ist ein südwestlich gelegener Vorort von Chiang Mai.„Hangdong“: So nannten wir seit einigen Jahren ein kleines Stück Land, aus dichtem Buschwald herausgeschnitten, mit drei, vier kleinen Hütten darauf. Auf „Hangdong“ lebten früher die Eltern von Teacher Boy, einem damaligen Mitglied des Teams der School for Life. Diese Eltern übernahmen die behutsame Eingewöhnung von Kindern wie Cob, die so traumatisiert und verstört waren, dass sie noch nicht in der großen Gemeinschaft auf der Farm mithalten konnten. „Hangdong“ war eine vorübergehende Zweigstelle der School for Life, denn als die kleine Gruppe der besonders betreuten Kinder aufgeholt hatte und sicherer geworden war, siedelten sie zur Farm, zur School for Life um.
„Hangdong“, im Besitz der Familie von Thaneen „Joy“ Worrawittayakun, hatte damit seine Funktion verloren, bis Joy, die Mitbegründerin der School for Life, und Ulrike Meister aus Landberg am Lech dort Anfang des Jahres 2007 ein neues Projekt starteten: Children’s Shelter Home. Dieses Projekt widmet sich Kindern mit Behinderungen und besonderen Erkrankungen; die Mehrzahl dieser Kinder ist taubstumm. Sie erfahren nicht nur eine besondere Zuwendung, sondern auch eine besondere Förderung durch einen taubstummen Lehrer und an den Wochenenden durch taubstumme Studenten aus Chiang Mai.
Lakeland
Inzwischen ist das Projekt umgezogen, aufs „Lakeland“, ein paar Gehminuten entfernt vom Gelände der School for Life. Lakeland liegt im Tal, die School for Life auf einem Hügel. Im Zentrum des großen Grundstückes befindet sich ein lotusblumenbewachsener Teich, ringsherum wächst eine organisch bewirtschaftete Farm. Dort haben die beiden Gründerinnen mit Kindern und Betreuern eine neue Familie gebildet. Und weil sich die Kinder und Erwachsenen vom Lakeland und die von der School for Life zu Festen oder Ausflügen immer wieder zusammenfinden, merkt kein Besucher, der bei einem solchen Anlass dazu kommt, wer zu wem gehört, weil alle zusammen wie eine ganz große Familie wirken.Bevor sie von Children’s Shelter Home aufgenommen oder auch zu Hause betreut wurden, waren die Kinder mit ihren Behinderungen und besonderen Erkrankungen chancenlos – weil sie arm und behindert sind, und auch weil sie besonderen Vorurteilen ausgesetzt sein können: Es ist immer noch der Volksglaube anzutreffen, dass Behinderung als Strafe für schlechte Taten in einem früheren Leben angesehen werden. Für diese Kinder ist es schwer, dagegen anzugehen und Widerstandskraft zu entwickeln, jene Resilienz, die erst seit wenigen Jahren von Forschern stärker in den Blick genommen wird. Wie kommt es, dass Kinder trotz widriger Umstände Widerstandskraft entwickeln können, und wie kann man sie in dieser Entwicklung fördern?
Hätten wir die Chance, die großen pädagogischen Reformer der vergangenen 200 Jahre zu befragen – Pestalozzi, Fröbel, Makarenko, Dewey, Lietz, Geheeb, Hahn, Neill oder Freire -, dann würden sie alle antworten: durch Liebe und durch Herausfor-derung.
Children’s Shelter Home ist wie die School for Life dadurch geprägt, dass die Erwach-senen wie neue Eltern ihre Kinder lieben und verlässliche Bindungen aufbauen. Die hat es zuvor nicht gegeben. Sie anerkennen das Recht der Kinder auf Glück, auf neue Freude am Leben. Und sie fordern sie heraus. Denn auf dem anstrengenden Weg aus dem Schattendasein nach vorn nimmt einen kein Taxi mit.
Ohne Children’s Shelter Home wäre das Familienleben der School for Life im letzten Jahr ärmer gewesen, denn wir hatten auf der Farm zuvor beispielsweise das Problem, dass wir uns an den Wochenenden mehr Angebote für die Kinder gewünscht hätten. Wir konnten von den Lehrern nicht verlangen, dass sie an sieben Tagen der Woche rund um die Uhr im Dienst sind.
Hier kam uns Children’s Shelter Home mit großem Engagement, vielen Ideen, einer vorzüglichen Praxis und einer großzügigen finanziellen Unterstützung zu Hilfe. Der Familienbereich der School for Life erhielt die Chance einer pädagogischen Weiterentwicklung, die einem kleinen Quantensprung gleichkam.
Zunächst wurden zwei Projekte ins Leben gerufen, die die Gestaltung des Wochenendes betrafen:
Family Life’s Day
Der Freitag einer jeden Woche wurde zum Familientag erklärt. Der Zusammenhalt der Erwachsenen und Kinder sollte gestärkt werden, der kleinen Kinder mit ihren älteren Gefährten, die sie als Schutzengel gewählt haben, der neuen Eltern, der Farmarbeiter, der Küchenmannschaft und der anderen Mitarbeiter.Immer wieder waren Gäste in dieser Zeit fasziniert von der Art und Weise, wie dieser Zusammenhalt gesucht wurde: beispielsweise durch einen langen alle einbeziehenden meditativen Tanz, durch Spiele und Gesang, Ausflüge, abendliche Aufführungen, Feste und durchs Kochen in den Familien.
Freitag ist der Tag der Trachten, der wunderschönen Kleider der Akha, Lisu oder Lahu, der Tag, an dem besonders deutlich wird, aus welchen eigenständigen ethnischen Kulturen die Kinder kommen. Es ist auch – wie viele andere Tage - der Tag des Philosophierens, der Verständigung über Werte, über den sorgsamen Umgang miteinander, über Rechte und Pflichten und über die Verantwortung gegenüber der Natur.
Der Freitag ist wie andere Tage auch ein Tag der Vertrauensbildung, der Entwicklung von Selbstbewusstsein und der allmählichen Verarbeitung einer katastrophen-beschwerten Vergangenheit.
Little Happy Day
Eine Farm, fernab im königlichen Forst gelegen, kann trotz allen bunten Lebens kein Platz sein, an dem Kinder sich ausschließlich aufhalten wollen. Die Erwachsenen auch nicht. Die Idee von Children’s Shelter Home, „Little Happy Days“ zu ermöglichen, wurde so verwirklicht, dass jeweils wechselnde Gruppen von etwa fünfzehn bis zwanzig Kindern ihr Wochenende an verschiedenen Orten zubringen konnten.Der wichtigste Ort war Joy’s House. Dort wurden die Kinder von Joy’s Familie aufgenommen, und Wochenende für Wochenende gab es jede Menge Angebote: den Computer und das Internet entdecken, in einem der klassischen Instrumente unterrichtet werden, an Zeremonien in der Nachbarschaft oder in einem Tempel teilnehmen, in den Zoo oder ins Schwimmbad gehen, ein Restaurant besuchen und lernen, wie man sich dort verhält, Geburtstage feiern und mit all den anderen Kindern spielen.
Joy’s House war nicht der einzige Ort für Wochenenden. Handong und später Lakeland nahmen jeweils eine Gruppe auf, und auch der Bürgermeister des nahe gelegenen Dorfs Pongkum wurde zusammen mit seiner Familie Gastgeber von Kindern, denen er zeigte, wie es sich in seinem Dorf leben lässt.
Neue Familien bilden
Wir hatten lange Zeit das Problem, dass unsere Lehrer die ganze Woche und jedes zweite Wochenende über im Dienst waren und diese Belastung ihre Chancen auf freie Zeit und auf eine ausführliche Unterrichtsvorbereitung schmälerte. Angesichts dieser Situation gab es eine zukunftsweisende Beratung mit dem Ergebnis, die Lehrer zu befragen und ihnen die Möglichkeit einer neuen Zuordnung zu geben. Wer wollte lieber im Bereich Schule und wer lieber im Bereich Familie arbeiten? Die Befragung ergab zwei Gruppen, und so kam es, dass die Gruppe „Schule“ nunmehr durchatmen konnte und mehr Zeit für die Unterrichtsvorbereitung und mehr Freizeit erhielt; und auch die Gruppe „Familie“ fühlte sich entlastet – aus Lehrern waren neue Eltern und „Hauslehrer“ geworden, und die gingen nun daran, das Familienleben zu gestalten. Neun Familien bildeten sich aus jeweils ein bis zwei Erwachsenen, einer mittelgroßen Gruppe aus jüngeren und älteren Kindern, aus Jungen und aus Mädchen.Für diese Familien waren die Gebäude, die bisherigen Dormitories, nicht geeignet. Also musste umgebaut werden, und so entstanden liebevoll gestaltete Familienhäuser, die alle auch ihren Garten bekamen. Jede Familie trägt seither zur Versorgung der Kantine und zur Selbstversorgung bei.
Viele Besprechungen wurden abgehalten und viele Fortbildungen durchgeführt – mit dem Ergebnis der Schaffung klarer Strukturen ,der Zufriedenheit auf allen Seiten und der Erfahrung der Kinder, auf der Farm ein neues Zuhause gefunden zu haben.
Es war und ist das Verdienst von Children’s Shelter Home, diesen Prozess der Neuge-staltung des Familienbereichs begleitet, vorangebracht, moderiert und gefördert zu haben. Es war das wichtigste Projekt der vergangenen Monate.
Dank der Entwicklung des letzten Jahres ist die Basis geschaffen, dass sich in der School for Life das Familienleben entfalten kann. Deshalb wollen sich die beiden Gründerinnen von Children’s Shelter Home in Zukunft auf die Entwicklung und Ausgestaltung von Lakeland konzentrieren. Dort, wie auch in Joy’s House oder im Dorf Pongkum werden die Kinder der School for Life auch weiterhin Gastfreundschaft genießen. Sie finden sowieso, dass alle zusammen gehören.
Joy und Ulrike gilt unser großes und herzliches Dankeschön, denn sie gehören zu jenen, die Projekte wie Children’s Shelter Home oder auch die School for Life tragen, die um der Kinder willen Bewegung erzeugen, die Dinge voranbringen, die kleinen Karawanen auf Kurs halten und ihnen sicheres Geleit geben.
Jürgen Zimmer
Mitbegründer der School for Life
www. childrens-shelter.com




