Beyond the Flames

Interkulturelle Projekte

Dreimal im Jahr finden in der School for Life, Chiang Mai, interkulturelle Austauschprojekte statt. Dazu zählen die Besuche der beiden internationalen Schulen, eine aus Norwegen, die andere aus Düsseldorf, sowie ein deutsches Work Camp der Kolping-Gruppe. Sie verbringen hier jährlich zwischen zwei und drei Wochen Zeit mit den Kindern, unterrichten und spielen, tanzen und kochen zusammen, unternehmen gemeinsame Ausflüge oder bauen eine fehlende Anlage, z.B. ein neues Dach aus Stroh. Dabei begeben sich beide Seiten auf Entdeckungsreisen, und oft fällt der Abschied nicht leicht.

*Ankunft*

Sie glauben uns tatsächlich, wir würden auf Elefanten zur School for Life reiten, als wir sie am Flughafen begrüßen. Mein Arbeitskollege und ich verdrücken uns das Lachen. Es scheint ihnen nicht unwahrscheinlich. Aber Spaß muss sein.
Dafür gibt es Jasminblütenketten für jeden - fast wie auf Hawaii...

Es ist das zweite Jahr, in dem wir die Stavangers hier empfangen, aber die Gesichter haben natürlich gewechselt.

Die Hupe unseres Wagens grüßen die Geister dieser scharfen Kurve
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an den Hängen der Berge von Doi Saket… Zehn verwunderte Gesichter aus aller Welt zucken kurz zusammen. Ihnen steht die Neugier im Gesicht. Sie lachen und spähen um die nächste Kurve herum… Alles grün - soweit das Auge reicht.

*Tief im Wald*

heißt der erste gemeinsame Ausflug noch tiefer ins Dickicht hinein. Die Teenager der School for Life nehmen ihre neuen Gäste mit auf Entdeckungsreise durch den königlichen wilden Wald. Einige tragen Gummistiefel, andere Turnschuhe. Die kleinen „Locals“ der School for Life schreiten in Flip Flops vornan.
Man munkelt, wir würden unser Mittagessen hier zusammensammeln und später gemeinsam kochen. Solch kleine Missverständnisse wird es in diesen Tagen noch öfter geben.
Aber erlesene Pflanzen und hübsche Blüten werden trotzdem eingesammelt. Sie werden später einen Geschenk-Strauß für einen uns noch unbekannten Mann schmücken.

*Erste Annäherung*

Die Kinder mögen unsere internationalen Gäste. Sie spüren ihre Natürlichkeit, erleben ihre offene humorvolle Art und zögern bald schon nicht mehr, sie an die Hände zu nehmen und mit ihnen zu toben, zu tanzen, zu singen und zu spielen. Dafür braucht es auch kaum Worte. Schlüsselwörter reichen aus, um das Spiel mit den Steinchen zu lernen oder sie zu „Hip Hop“ aufzufordern. „What’s your name?“ ...und jetzt in Thai! Das klingt schon anders und merkt sich verdammt schwer. Nach der zehnten Bekanntschaft sitzt es jedoch bald. Und sogar noch einen drauf: „Yin dee tee dai roo jak kha/krap“
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(Nice to meet you!) – dieser Zungenbrecher begeistert jeden Thai.

*Am Abend *

Beim Abendessen in den Familien blinzeln die Kinder immer wieder herrüber zu den Farangs (Westler). Sie werden genaustens studiert, vor allem von den jungen Damen, die den Boys italienischer, kanadischer und polnischer Herkunft kaum widerstehen können. „How old are you?“ ist erstmal interessant, und nach dem Essen wird wieder losgespielt. Zum Glück haben die Jungen und Mädchen aus Norwegen eine ordentliche Portion improvisatorischen Charme mitgebracht, sodass Berührungsängste sich rasch auflösen. Nach dem gemeinsamen Abendessen führen sie mit den Kindern kleine Projekte durch: Wie ein Vulkan funktioniert, wird hier mit Erde und einer kleinen darin vergrabenen Sodaflasche simuliert, aus der ein Gemisch aus Essig und Backpulver ausbricht. Wie sieht Schnee aus? Und überhaupt dieses ferne Land Norwegen? Die Kinder reißen sich um die mitgebrachten Fotos. Auch Traumfänger werden gebastelt, allerdings bringt die perlenbunte Phantasie der Thai-Kinder kaum noch indianerähnliche Produkte hervor.
Und wie war das Essen? „Arroi mai“, fragt Mama Nanwarn? „Sehr lecker, na klar! Und SPICY!“

*Gefangen im Zoo*

Der Zoo von Chiang Mai ist nicht gerade klein und hat Tiere, deren Namen mir schon wieder entfallen sind. Ein vergnüglicher Rundgang bis zu dem Moment als das Licht des Tages verblasst und für die nächsten 36 Stunden nicht mehr auftauchen will. Der längste Regenfall der letzten Jahre zwingt uns zum frühzeitigen Mittagessen im überdachten Teil des Zoos und zu einer langen Wartepause, die so lang wird, dass wir kapitulierend auf
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den Pick Up steigen und uns vollregnen lassen. Was soll's, die Sorge vor einer Erkältung braucht man bei den Temperaturen hier nicht zu haben.
Es dämmert, die Moskitos erwachen zum Angriff. Ich schaue aus meiner Unterkunft nach draußen und sehe zufällig, wie unsere norwegischen Gäste von zwei Schulmädchen mit überdimensional großen Regenschirmen vor ihren Bungalows zum Abendessen abgeholt werden.

*Thai Olympiade*

Die Sonne brennt in voller Kraft auf den Sportplatz. Pokale und Süßigkeiten schmücken die Tische neben der Sound-Anlage. Die erste Station wird ausgerufen: Sackhüpfen. Typisch Thai soll das sein? Haha, das kennen wir doch alle. Aber bei „rettet die Wasserschlange“ gucken die Schüler aus Stavanger erstmal ein wenig verdattert aus der Wäsche, á la „nicht im Ernst, oder?“ Auch „Thai Golfen“ und „feed the monkey“ führen zu großem Gelächter. Zwischendurch wird Cheerleading getanzt und gesungen, denn auch für Stimmungsmache gibt es Punkte für die Mannschaften. Am Ende bekommen alle zumindest einen kleinen Pokal und Preise für die verschiedenen Spiele. Und den Sonnenbrand gibt’s gratis für jeden.

*Kinder als Lehrer*

Da ja Austausch meint, dass beide Seiten etwas mitnehmen sollen, haben sich die Kinder und und Lehrer der School for Life ebenso auf eine Thai-Unterrichtstunde für die Norweger vorbereitet. Hier werden die wichtigsten Floskeln geübt, die schon so manchen Zungenbrecher darstellen, den man zehn Sekunden später wieder vergisst, wenn man ihn nicht anwendet. Ein Orchesterklang aus Sprachversuchen breitet sich im Raum aus, und als Finale gibt es traditionelle Lieder, z.B. über Elefanten (das bei uns das „Alle meine Entchen“ wäre). Dazu wird getanzt, und man glaubt, plötzlich wieder im Kindergarten zu sein.
Im Gegenzug gibt es Englischunterricht auf extravagante Art. Mit Händen und Füßen, mit Stickern und Farben, singend, tanzend und spielend. Einige Kinder kommen später zu uns und fragen: „Können die uns nicht immer unterrichten?“

*Modelle*

Man nehme Latex, Mehl, eine Tüte extra Nerven und zwei Stunden Zeit und gebe alles in hundertdreißig Kinderhände, die kaum noch still halten können.
Heraus kommen fünf kleine Modelle, in denen verschiedene Symbole beider Länder zusammen geknetet sind: Elefanten, Hirsche, Kanus, Wikingerboote und die beiden Flaggen. Diese Mini-Modelle vereinen Ideen als Planung für ein größeres
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Monument, welches von allen Schülern gemeinsam erbaut werden soll. Denn Worte hätten diese Phantasien in den fremden Sprachen nur schwer ausdrücken können.
Am nächsten Tag fahren wir auf einen Kunsthof eines Freundes der School for Life, um uns seine Lehmhäuser und Skulpturen anzuschauen, die die eine oder andere Inspiration ermöglichen. Beim gemeinsamen Abendessen am Damm von Doi Saket werden thailändische und englische Lieder gesungen, und jegliches Zeitempfinden schwebt über den See hinweg.

*Religiöse und kulinarische, kulturelle und touristische Ausflüge*

Langeweile kommt in diesen zwei Wochen bestimmt nicht auf, denn das Programm steckt voller spannender Ideen. So begeben wir uns hinaus in ein umliegendes Dorf, um ein wenig Kontakte mit den Einheimischen zu bekommen. Das fällt leichter, wenn man ein gemeinsames Projekt vor sich hat, und so helfen unsere norwegischen Freunde dort beim jährlichen ‚Reforesting Day‘, neue Bäume zu pflanzen.

An einem anderen Tag geht es in Doi Saket hoch hinaus, in den großen buddhistischen Tempel auf dem Hügel, zu dem man erst 300 Stufen überwinden muss. Wir kommen an einem buddhistischen Feiertag zur Vien-Tien Zeremonie, an dem die Bevölkerung Gaben aus Blumen, Kerzen und Räucherstäbchen bringt. So tun wir dem gleich, und unsere Gäste laufen den Thais mit diesen Gaben die geforderten drei Runden um den Tempel hinterher. Leider zwingt uns starker Regen erneut zu einem vorzeitigen Rückweg in einem Thai-Sammeltaxi. Doch die gute Laune bleibt und es werden wieder Lieder gesungen, es wird gewitzelt und gelacht.

Natürlich gehört ein Thai-Koch-Kurs in unser Programm, und so finden wir uns in unserer Restaurant-Küche an den massiven Holztischen beim gemeinsamen Schnippeln wieder. Wir kochen Pat Thai, ein thailändisches Nationalgericht aus Reisbandnudeln, Tofu, Eiern, Minikrabben, vier Sorten Zwiebeln, Tamarinde, Weißkraut, Erdnüssen, Sojasauce und natürlich Chili. Das gelingt ganz gut und schmeckt auch allen. Zum Nachtisch gibt es Sticky Rice mit Mango. Hhhm! Als Dankeschön gibt es von norwegischer Seite später Pfannkuchen.
Und nicht zu vergessen der große Pizzatag, der Höhepunkt für die italienisch-stämmigen Gäste. Jeder darf mitkneten und schneiden, denn für die zehn großen Bleche wird jede Hand gebraucht. Unser selbstgebauter Stein-Pizzaofen
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feuert den ganzen Tag, und jedes der 122 Kinder bekommt ein Stück – was für ein Schmaus!

Bei einem Ausflug in die Stadt Chiang Mai – zusammen mit Kindern der School for Life – können die norwegischen Teenager ihren langersehnten Einkaufsbummel erleben. Doch vorher geht es noch auf eine Kunstausstellung, in der mysteriöse Seiden-Skulpturen ausgestellt werden. Hier wird dem Künstler unser exotischer Strauss aus dem Dschungel (vor blitzenden Kameras) übergeben.

Weitere Ausflüge, wie zu den Heißen Quellen, zu einem traditionellen Markt oder traditionellen Thaimassagen sind kleine kulturelle Besonderheiten am Rande, die zur entspannten Abwechslung beitragen.

*Beyond the flames*

Die Kinder beider Schulen haben die Aufgabe übernommen, gemeinsam ein Monument zu bauen, stellen nun aber fest, dass das ihre Fähigkeiten und Kapazitäten übersteigt. Gleich gibt es eine neue Idee: Wir bauen eine Feuerstelle! Denn die norwegen Schüler wissen mittlerweile, dass es hier im Winter auch kälter werden kann. „Kommt mit!“
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heißt es, und unsere Kinder zeigen ihnen die vorhandene, kaum erkenntliche Feuerstelle, die dringend eine Erneuerung braucht. Zwei Tage lang rackern sie alle zusammen und reparieren die Bänke, schichten Steine in schickem Muster, bauen ein Eingangstor und pflanzen Blumen am Rand. Die Älteren ziehen in den Dschungel und kommen eine Stunde später mit 6 x 10 Meter langen Bambusrohren wieder. Daraus werden unter anderem auch Lehnen für die Bänke gebaut (ein bisschen Komfort muss sein).
Die letzten Akzente setzen die Kinder mit blumenbestickten Riesenblätterketten, die am Eingang aufgehangen werden. Welch schöner Anblick. Der Winter kann kommen.
Auf dem Schild am Eingang steht der Name dieses Projekts „Beyond the Flames“ und auf bemalten Fliesen die Erklärung dazu auf Thai und Englisch, alles von den Kindern verfasst:
„This is a result of a collaborative effort on the parts of students from ISS and SfL in July 2009. The meaning of 'Beyond the flames' is that it is not only what you see in front of you, it is the experience.”

*Do you come back?*

Der letzte Abend wird groß gefeiert mit vielfältigem Thai-Buffet, Tanzeinlagen (nein, nicht traditionell: Hip Hop ist hier angesagt), Feuershow und vielen Fotos auf dem Bildschirm... Aber natürlich auch ein paar wichtigen Worten. Wir wollen zum Beispiel von unseren Norwegischen Gästen wissen: Was hat euch überrascht? „Die Gastfreundschaft!“. Und was hat euch am besten gefallen? „Die Kinder!“

Es werden Freundschaftsbänder umgebunden, Kerzen angezündet und das School for Life-Lied gesungen. Es gibt Umarmungen und Briefchen, Tränen und ein Foto mit allen. Dann wird die Feuerstelle eröffnet mit großen Fackeln für jeweils ein Kind beider Schulen.
Zum Abschluss werden Heißluftballons und heimliche Wünsche in den Himmel geschickt.

Am Tag der Abreise kleben die Thai-Kinder an den Händen der Norweger. Die letzten gemeinsamen Gelächter, die letzten Kitzeleien, hier ein Foto, da der Austausch von E-mail-Adressen und die Frage: „Do you come back?“

Maria Hildesheim
(Studentin aus Potsdam)